Lebenswelten
Ist Deutschland der bessere Ort zum Leben?
Zwischen Guoqiaomixian, den Over-the-Bridge-Noodles, einer ausgezeichneten Nudelsuppenspezialität aus der Provinz Yunnan, fragt mich einer meiner chinesischen Kollegen in der Mittagspause, ob denn Deutschland wirklich so viel besser zum Leben sei als China. Ich kann ihm keine Antwort geben, denke stattdessen zu Hause in Ruhe darüber nach. Gibt es auf diese Frage überhaupt eine klare Antwort? Wie definiert man denn einen guten Ort zum Leben?
Zwischen Peking und Kassel - zwischen Demokratie, Routine und Langeweile
Deutschland ist eine Demokratie mit Meinungs- und Pressefreiheit. Deutschland achtet die Menschenrechte. Deutschland nutzt Facebook, Twitter und Youtube. Deutschland hat ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem. Die Deutschen spucken beim Essen nicht unter den Tisch und drängeln nicht in den Bus. Außerdem berichten die westlichen Medien nur Schlechtes über China. Es gibt viele Argumente für Deutschland und gegen das Reich der Mitte. Mein Kollege hat jedoch auch eines für sein Land. In Peking meint er, wird es nie langweilig. In Kassel, wo er studiert hat, sei das Leben ziemlich schnell eintönig geworden. Nein, Kassel ist wirklich nicht Peking, aber Routine kehrt wohl in beiden Städten irgendwann ein. Routine ist überall dort, wo Alltägliches stattfindet. An Wochentagen stehe ich jeden Morgen um 8 Uhr auf, erledige alles, was man morgens zu erledigen hat. Ich packe stets dieselbe braune Ledertasche. Um 9 Uhr laufe ich zur U-Bahnstation Nanluoguxiang und nehme die Linie 6 in Richtung Haidian Wuluju. Um 9:20 Uhr steige ich in Pinganli um und nehme die Linie 4 zur Station Renmin Daxue. Ich gehe zum Cyber Tower B, warte fünf Minuten auf den Lift, fahre in den 17.Stock, grüße die Kollegen, frühstücke mit Joghurt, Apfel und Haferflocken, und beginne mit meiner Arbeit. Ich sitze hinter dem Computer, verschicke E-Mails, übersetze Texte vom Chinesischen ins Deutsche und Englische, ich kommuniziere mit Verlagen, Künstlern, organisiere Veranstaltungen mit und genieße bei einem niedrigen Air Pollution Index den Ausblick auf die Westberge. Gegen 12 Uhr mittags besuche ich mit den Kollegen stets dieselbe Auswahl an Lokalen. Wir essen meistens chinesische Nudeln. Am Abend gegen 19 Uhr fahre ich nach Hause, nehme dafür zuerst die U-Bahnlinie 4 in Richtung Tiangongyuan, steige in Pinganli um und nehme die Linie 6 Richtung Caofang bis zur Station Nanluoguxiang. Ich esse, ich dusche, und schalte den Laptop ein. Das ist meine tägliche Routine, die ich an den Wochenenden erfolgreich durchbreche.
Sich das eigene Paradies erschaffen
Als ich vor drei Jahren nach Peking kam und mein Wohnheimzimmer an der Universität beziehen sollte, war ich schockiert. Die Toilette schien seit Monaten nicht geputzt, die Dusche besaß weder eine Wanne, noch einen Vorhang. Der Abfluss war praktisch nicht vorhanden, weil unter einem schwarzen Haarbüschel verschwunden. Auf der ausgewaschenen hellblauen Bettwäsche befanden sich Blutflecken, alles war von einer Staubschicht bedeckt. China war für mich kein guter Ort zum Leben. Ich lief dann direkt zum Supermarkt und kaufte Putzzeug, eine neue Bettdecke, ein Kopfkissen sowie Bettwäsche. Ein paar Tage später hatte ich mir mein Paradies geschaffen. Die fehlende Duschwanne und der nicht vorhandene Duschvorhang waren nicht mehr wichtig, das Haarbüschel und der Staub entfernt. Als ich vor gut einem Monat mein neues Zimmer bezog, das eine chinesische Freundin zuvor für mich ausgewählt und gebucht hatte, dann derselbe Schock. Ein übel richendes Badezimmer, ungewaschene Handtücher und dicke schwarze Haare auf der Bettwäsche. Meine Freundin meinte: "Ting hao de", was mit "Ist doch sehr gut." übersetzt werden kann. Eine andere Kultur bedeutet zugleich einen andere Maßstab. Heute fühle ich mich in meinem Zimmer sehr wohl und möchte nicht mehr umziehen. Ein Ort ist eben nur so schön, wie man ihn sich macht, wie man ihn sich denkt.
Die "Privatisierung" des Alltags
Doch was ist mit der Politik, mit der Fremdbestimmung, mit der Diktatur? In China bedeutet die fehlende politische Partizipation des Volkes einen Rückzug ins Private, quasi eine "Privatisierung" des Alltags. Chinesinnen lieben alles was glizert und glänzt. Man trägt gerne rosa. Pink, bunt und knallig muss es sein. Rüschen dürfen nicht fehlen, viel Tüll dazu und die Mäuseohren aus Plüsch, die man an jeder Straßenecke Pekings kaufen kann und sich auf den Kopf setzten muss.

Statt Nachrichten hört man schnulzige Radiohörspiele und sieht im TV Gameshows und Daily Soaps über die ganz große und oftmals unerreichbare Liebe. Man kann das schon fast eine "Verkitschisierung" nennen. Für Politik gibt es hier keinen Platz, sie findet nicht öffentlich statt. In Deutschland hingegen wird darüber gesprochen, eifrig diskutiert, sich aufgeregt.
Und jetzt ... wo bleibt die Conclusio? ... Wie, gibt es nicht?
Mein Kollege sagte mir im Over-the-Bridge-Noodles Restaurant, dass er nicht für immer in Deutschland bleiben möchte. Julia, eine Deutschstudentin aus der Provinz Hebei, meinte, sie wolle unbedingt nach Deutschland, um dort Literaturgeschichte zu studieren, aber danach zurück nach Peking. Ihre Freundin möchte in München an der Filmhochschule aufgenommen werden, nach dem Studium soll es ebenfalls wieder nach Peking gehen. Ein chinesischer Bekannter meinte gestern, in Deutschland sei natürlich alles besser, weil es keine Zensur gäbe und weil man machen könne, was man wolle. Alles sei eben einfacher. Seine Freundin stimmte ihm zu. Wie wichtig aber sind Einkommen, ein sicheres Dach über dem Kopf, Familie, soziale Bindungen? Machen nicht die eigenen Wurzeln irgendwie den besten Ort zum Leben aus? Haben sie nicht den verbindlichsten Charakter? In der Pekinger U-Bahn lese ich regelmäßig folgenden Spruch auf einem Werbebanner: „Man braucht sehr lange und muss viel gereist sein, um zu verstehen, dass viele Orte auf der Welt doch irgendwie gleich sind.“ Die eingangs gestellte Frage, ob Deutschland nun der bessere Ort zum Leben sei, kann ich für mich nicht beantworten.

Zwischen Guoqiaomixian, den Over-the-Bridge-Noodles, einer ausgezeichneten Nudelsuppenspezialität aus der Provinz Yunnan, fragt mich einer meiner chinesischen Kollegen in der Mittagspause, ob denn Deutschland wirklich so viel besser zum Leben sei als China. Ich kann ihm keine Antwort geben, denke stattdessen zu Hause in Ruhe darüber nach. Gibt es auf diese Frage überhaupt eine klare Antwort? Wie definiert man denn einen guten Ort zum Leben?
Zwischen Peking und Kassel - zwischen Demokratie, Routine und Langeweile
Deutschland ist eine Demokratie mit Meinungs- und Pressefreiheit. Deutschland achtet die Menschenrechte. Deutschland nutzt Facebook, Twitter und Youtube. Deutschland hat ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem. Die Deutschen spucken beim Essen nicht unter den Tisch und drängeln nicht in den Bus. Außerdem berichten die westlichen Medien nur Schlechtes über China. Es gibt viele Argumente für Deutschland und gegen das Reich der Mitte. Mein Kollege hat jedoch auch eines für sein Land. In Peking meint er, wird es nie langweilig. In Kassel, wo er studiert hat, sei das Leben ziemlich schnell eintönig geworden. Nein, Kassel ist wirklich nicht Peking, aber Routine kehrt wohl in beiden Städten irgendwann ein. Routine ist überall dort, wo Alltägliches stattfindet. An Wochentagen stehe ich jeden Morgen um 8 Uhr auf, erledige alles, was man morgens zu erledigen hat. Ich packe stets dieselbe braune Ledertasche. Um 9 Uhr laufe ich zur U-Bahnstation Nanluoguxiang und nehme die Linie 6 in Richtung Haidian Wuluju. Um 9:20 Uhr steige ich in Pinganli um und nehme die Linie 4 zur Station Renmin Daxue. Ich gehe zum Cyber Tower B, warte fünf Minuten auf den Lift, fahre in den 17.Stock, grüße die Kollegen, frühstücke mit Joghurt, Apfel und Haferflocken, und beginne mit meiner Arbeit. Ich sitze hinter dem Computer, verschicke E-Mails, übersetze Texte vom Chinesischen ins Deutsche und Englische, ich kommuniziere mit Verlagen, Künstlern, organisiere Veranstaltungen mit und genieße bei einem niedrigen Air Pollution Index den Ausblick auf die Westberge. Gegen 12 Uhr mittags besuche ich mit den Kollegen stets dieselbe Auswahl an Lokalen. Wir essen meistens chinesische Nudeln. Am Abend gegen 19 Uhr fahre ich nach Hause, nehme dafür zuerst die U-Bahnlinie 4 in Richtung Tiangongyuan, steige in Pinganli um und nehme die Linie 6 Richtung Caofang bis zur Station Nanluoguxiang. Ich esse, ich dusche, und schalte den Laptop ein. Das ist meine tägliche Routine, die ich an den Wochenenden erfolgreich durchbreche.
Sich das eigene Paradies erschaffen
Als ich vor drei Jahren nach Peking kam und mein Wohnheimzimmer an der Universität beziehen sollte, war ich schockiert. Die Toilette schien seit Monaten nicht geputzt, die Dusche besaß weder eine Wanne, noch einen Vorhang. Der Abfluss war praktisch nicht vorhanden, weil unter einem schwarzen Haarbüschel verschwunden. Auf der ausgewaschenen hellblauen Bettwäsche befanden sich Blutflecken, alles war von einer Staubschicht bedeckt. China war für mich kein guter Ort zum Leben. Ich lief dann direkt zum Supermarkt und kaufte Putzzeug, eine neue Bettdecke, ein Kopfkissen sowie Bettwäsche. Ein paar Tage später hatte ich mir mein Paradies geschaffen. Die fehlende Duschwanne und der nicht vorhandene Duschvorhang waren nicht mehr wichtig, das Haarbüschel und der Staub entfernt. Als ich vor gut einem Monat mein neues Zimmer bezog, das eine chinesische Freundin zuvor für mich ausgewählt und gebucht hatte, dann derselbe Schock. Ein übel richendes Badezimmer, ungewaschene Handtücher und dicke schwarze Haare auf der Bettwäsche. Meine Freundin meinte: "Ting hao de", was mit "Ist doch sehr gut." übersetzt werden kann. Eine andere Kultur bedeutet zugleich einen andere Maßstab. Heute fühle ich mich in meinem Zimmer sehr wohl und möchte nicht mehr umziehen. Ein Ort ist eben nur so schön, wie man ihn sich macht, wie man ihn sich denkt.
Die "Privatisierung" des Alltags
Doch was ist mit der Politik, mit der Fremdbestimmung, mit der Diktatur? In China bedeutet die fehlende politische Partizipation des Volkes einen Rückzug ins Private, quasi eine "Privatisierung" des Alltags. Chinesinnen lieben alles was glizert und glänzt. Man trägt gerne rosa. Pink, bunt und knallig muss es sein. Rüschen dürfen nicht fehlen, viel Tüll dazu und die Mäuseohren aus Plüsch, die man an jeder Straßenecke Pekings kaufen kann und sich auf den Kopf setzten muss.

Statt Nachrichten hört man schnulzige Radiohörspiele und sieht im TV Gameshows und Daily Soaps über die ganz große und oftmals unerreichbare Liebe. Man kann das schon fast eine "Verkitschisierung" nennen. Für Politik gibt es hier keinen Platz, sie findet nicht öffentlich statt. In Deutschland hingegen wird darüber gesprochen, eifrig diskutiert, sich aufgeregt.
Und jetzt ... wo bleibt die Conclusio? ... Wie, gibt es nicht?
Mein Kollege sagte mir im Over-the-Bridge-Noodles Restaurant, dass er nicht für immer in Deutschland bleiben möchte. Julia, eine Deutschstudentin aus der Provinz Hebei, meinte, sie wolle unbedingt nach Deutschland, um dort Literaturgeschichte zu studieren, aber danach zurück nach Peking. Ihre Freundin möchte in München an der Filmhochschule aufgenommen werden, nach dem Studium soll es ebenfalls wieder nach Peking gehen. Ein chinesischer Bekannter meinte gestern, in Deutschland sei natürlich alles besser, weil es keine Zensur gäbe und weil man machen könne, was man wolle. Alles sei eben einfacher. Seine Freundin stimmte ihm zu. Wie wichtig aber sind Einkommen, ein sicheres Dach über dem Kopf, Familie, soziale Bindungen? Machen nicht die eigenen Wurzeln irgendwie den besten Ort zum Leben aus? Haben sie nicht den verbindlichsten Charakter? In der Pekinger U-Bahn lese ich regelmäßig folgenden Spruch auf einem Werbebanner: „Man braucht sehr lange und muss viel gereist sein, um zu verstehen, dass viele Orte auf der Welt doch irgendwie gleich sind.“ Die eingangs gestellte Frage, ob Deutschland nun der bessere Ort zum Leben sei, kann ich für mich nicht beantworten.

Fräulein Stefanie - 4. Mai, 18:25
