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11
Jun
2013

Die Untermieter

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ein sehr tierlieber Mensch bin und mit allen Tieren zurechtkomme, mit Ausnhame von Spinnen. Ich habe auch nichts gegen Gliederfüßler jeglicher Art, solange es nicht die Grenzen meines Vorgartens überschreitet. Da mein kleines Hotelzimmer in Peking – wie auch unsere Wohnung in Wien – keinen Vorgarten besitzt, müssen die Grenzen neu definiert werden, was meine neuen Untermieter jedoch nicht zu kümmern scheint.

Irgendwann letzte Woche, es war bereits nach ein Uhr morgens, schalte ich das Licht aus und freue mich auf eine ruhige Nacht. Eigentlich mache ich das jede Nacht so, meistens auch um dieselbe Zeit. Doch diesmal war etwas anders. Gerade als ich in Gedanken mit dem Tag abgeschlossen hatte, kitzelt mich etwas am Oberschenkel. Ich kratze kurz und denke, da war doch was. Von der Unmöglichkeit, dass sich noch jemand in meinem Bett befindet, bin ich überzeugt, aber ich schlage vorsorglich doch die Bettdecke zurück.

Bei genauerem Hinsehen meine ich, einen länglichen Schatten zu erkennen, der über das Bettlaken huscht. Als ich das Licht anschalte, ist nichts mehr zu sehen. Werde ich verrückt? Ich habe mir das bestimmt nur eingebildet, hebe aber zur Sicherheit nochmal alle Kissen zur Seite. Da ist wirklich nichts. Oder doch? Zwängt sich da nicht irgendwas zwischen Leintuch und angrenzende Zimmerwand. Ich erkenne etwas langes, was graugrünes, was mit vielen Beinen. Etwas, das ich nicht identifizieren kann. Ich schreie erschrocken auf und denke daran, meinen Freund anzurufen, aber der ist zehntausend Kilometern weiter westlich mit Kochen beschäftigt und kommt nicht mal eben vorbei. Ich muss das Problem selbst angehen. Mein erster Gedanke beim Suchen einer Strategie: Was, wenn das es zwischen Wand und Bett auf den Boden fällt? Dann ist es weg, aber nur um wieder zu kommen.

Ich ziehe also ganz vorsichtig am Bettlaken und hoffe, es somit in eine Position zu bekommen, aus der es nicht so leicht entwischen kann. Tatsächlich bleibt das Tier auf dem Leintuch sitzen, bis ich es so weit übers Bett gezogen habe, dass ich es gut sehen kann. Zum Identifizieren bleibt keine Zeit, es muss schnell gehen. Rasch eine halbe Rolle Toilettenpapier auf das arme Tier gepresst, halb kreischend vor Ekel und auch wegen der Tatsache, dass ich das nicht identifizierbare Etwas töten werde.

Es wehrt sich heftig mit dem Hinterkörper, rollt diesen wie ein Skorpion zusammen. Einen Stachel hat es auch, wie ich sehe. Nicht möglich, dass ich einen Skorpion im Zimmer habe. Wir kämpfen weiter. Die Matratze gibt nach, ich lockere das Toilettenpapier, das Etwas läuft los, ich presse das Papier kreischend wieder auf das Tier.

Nun kommt mir die Idee. Ich stülpe einen rosafarbenen Plastikbecher über Papier und Tier, so kann es erst mal nicht entkommen. Darunter schiebe ich den Boden einer stabilen Papiertüte vom Goethe-Institut. Nun kann ich das Etwas sicher zur Toilette transportieren, ich kippe den Becherinhalt in die Klomuschel und spüle.

Was ich da gefangen hatte war mir bis vor zwei Tagen nicht klar. Aber dann kam es wieder.

Es ist gegen ein Uhr nachts und ich telefoniere mit meinem Freund. Jetzt höre ich etwas rascheln. Sitzt da etwas im Papierkorb? Plötzlich aber lugt etwas hinter dem Bambusvorhang hervor, der an der Rückwand meines Bettes angebracht ist. Mir ist klar, noch einmal dasselbe Spiel. Und wieder ist meine Tierliebe nicht hilfreich. Aber diesmal inspiziere ich das tote Tier genau und suche im Internet nach Antworten.

Bei meinen Untermietern handelt es sich um Hundertfüßler. Verwandt dem Tausendfüßler. Sie können in den Tropen bis zu 30 Zentimeter lang werden. Ob sie giftig sind, darüber streiten sich die Google-Suchergebnisse. Ich bin mir allerdings sicher, ob giftig oder nicht, in meinem Bett nie wieder. Ich nehme also den toten Hundertfüßer und bringe ihn zur Rezeption. Dort wecke ich den netten Mann auf, der bereits nebenan schläft. Er lacht laut. Sagt mir, dass sie hier eine Hundertfüßlerplage hätten und ob ich wisse, dass man die in China isst. Schmecken täten sie ihm aber nicht und natürlich seien die giftig. Er greift zum Schädlingsbekämpfungsmittel, bittet mich, draußen zu warten und sprüht mein Zimmer damit ein. Für die Nacht habe ich Ruhe.

Am nächsten Tag setzte ich mein Zimmer noch mal dem giftigen Sprühnebel aus und bin mir sicher, bei diesem Gestank kann nichts überleben. Die letzte Nacht habe ich gut geschlafen, heute habe ich sogar eine neue Bettwäsche bekommen, unaufgefordert und das erste Mal in zwei Monaten. Vielleicht ein gutes Zeichen. Ich hoffe, dass es nun keine Untermieter mehr im Zimmer gibt, denn ich will sie nicht durch das Gift töten, aber in meinem Bett sind sie auch nicht richtig.

Wir werden sehen...
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