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12
Mai
2013

Es ist wieder Zeit für "Gaokao"

Wer es in China beruflich zu etwas bringen will, der muss sich zunächst dem sogenannten "Gaokao" unterziehen. Universitäten gibt es viele im Land, doch nur wer beim "Gaokao", der zentralen Aufnahmeprüfung zum Hochschulstudium, nah an die höchstmögliche Zahl von 750 Punkten herankommt, dem wird der Zugang zu einer der besseren Universitäten ermöglicht. "Gaokao" bedeutet in der Übersetzung "hohe Prüfung". In der Praxis aber ist "Gaokao" das wichtigste Examen für potentielle und zukünftige Studenten des Landes.

Jedes Jahr im Juni, dann, wenn es fast im ganzen Land drückend heiß ist, versammeln sich die Anwärter in den Prüfungszentren der Städte, um sich den mehrere Tage dauernden Tests in Chinesisch, einer Fremdsprache, in Mathematik, Naturwissenschaften, in Geschichte, Geographie und Kunst zu unterziehen. Laut einem Artikel der "Welt" haben sich im Jahr 2007 über 10 Millionen Schüler auf etwa 5 Millionen Studienplätze beworben. So viel, wie bis dahin nie zuvor. Die Konkurrenz ist groß, der Druck, der auf den Schülern lastet noch größer.

Die Folgen von Chinas Ein-Kind-Politik lassen die Verantwortung für die Zukunft einer Familie auf den Schultern von oftmals einem einzigen Kind ruhen. Ein guter Schulabschluss, ein herausragendes Ergebnis beim "Gaokao", der daran anschließende Besuch einer renommierten Universität und eine ausgezeichnete Position in einem angesehenen Unternehmen, das ist die Idealvorstellung vieler Eltern für ihren Nachwuchs. Schließlich soll der auch als Pensionsvorsorge für die Eltern herhalten. Bis heute gibt es in China kein flächendeckendes Rentensystem. Laut einem Artikel der "Zeit" greift dieses bei nicht mehr als 10 Prozent der Landbevölkerung. Im Jahr 2008 bekamen nur 15 Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung Rente vom Staat. Ein enormes Problem, das von der jungen Generation kompensiert werden soll, die sich aus der Tradition der „kindlichen Pietät“ um die Familie im Alter kümmern muss.

An den Prüfungstagen befindet sich China im Ausnahmezustand. Chinesen mit lebhaftem Gemüt zügeln ihr Temperament. Autofahrer verzichten bisweilen sogar auf zu aggressives Hupen. Doch was kommt eigentlich vor "Gaokao"? Vor "Gaokao" kommt der ganz große Run auf die Hotels, Hostels und Pensionen der Städte mit den Prüfungszentren. Man wird als Tourist schon mal kurzerhand aus einem Hostel ausquartiert, weil Schüler für den "Gaokao" anreisen und die Zimmer deshalb benötigt werden. Vor und während "Gaokao" hält das Land also fest zusammen. Und sogar die Tourismusbranche boomt, da häufig zumindest ein Elternteil zur mentalen Unterstützung des Nachwuchses mit anreist und ebenfalls ein Bett buchen wird. Reichen die zur Verfügung stehenden Unterkünfte nicht mehr aus, so weicht man zum Beispiel in Turnhallen aus.

Und was kommt vor dem Ansturm auf die temporären Wohngelegenheiten? Da kommt "Huikao". Diese Prüfung entspricht in etwa dem deutschen Abitur, bildet also den Abschluss der Schullaufbahn. Bereits Jahre vor dem "Huikao" beginnt für ehrgeizige Jugendliche und für Jugendliche von ehrgeizigen Eltern die Vorbereitung auf den "Gaokao". Disziplin, Stressresistenz und Durchhaltevermögen sind gefragt. Mit 16 Jahren hat Xiaoxue angefangen für den "Gaokao" zu lernen. Ein Teenager war sie nie, wie sie heute sagt. Erst jetzt, mit fast 27, tut sie all das, was sie mit 16 gerne getan hätte. Die Nächte durchfeiern, Jungs, am besten ausländische, und nicht an morgen denken. Freizeit hätte es für sie damals kaum gegeben. Der Tag war von früh bis spät mit Lerninhalten durchstrukturiert. Individuelle Freiräume bleiben den jungen Leuten tatsächlich nur selten, denn selbst nach der Schule wird zu Hause weitergelernt oder man besucht eines der vielen Tutoring-Programme, die vielfach angeboten werden und einen erfolgreichen "Gaokao" versprechen.

Nach dem Bestehen des "Huikao" können die Anwärter auf einen Studienplatz eine Liste mit angestrebtem Studienfach und einer Reihung der drei Universitäten, an denen sie am liebsten studieren möchten, erstellen. Schneidet man beim "Gaokao" jetzt besonders gut ab, bekommt man mit etwas Glück den gewünschten Studienplatz an der präferierten Universität. Die Qinghua und Peking Universität in Chinas Hauptstadt sowie die Tongji Universität in Shanghai gelten als die renommiertesten Hochschulen im Land. Wer über 600 Punkte beim "Gaokao" bekommt, der kann an einer dieser Universitäten studieren. Und nur wer hier studiert, dem ist später der Arbeitsplatz so gut wie sicher.

Doch was passiert, wenn das Ergebnis des "Gaokao" anders als erhofft ausfällt? Dann bleibt einem der Zugang zur Universität erster Wahl wohl verwehrt. Mit etwas Glück bekommt man einen Platz an einer anderen Hochschule. Doch wem das Glück nicht wohlgesonnen ist, der muss auf den ersehnten Studienplatz verzichten und wird bestenfalls im Jahr darauf noch einmal zum "Gaokao" antreten können.

Selbst nach einem bestandenen "Gaokao" und einem erfolgreichen Studium, ist längst nicht jede Hürde genommen, denn wer einmal die Luft der Großstädte wie Peking oder Shanghai geatmet hat, der hat Chinas Tore zur Welt entdeckt. Doch das Leben in den Megastädten ist teuer und für viele auf Dauer unerschwinglich. Auch fehlende Wurzeln können das Leben in der Stadt erschweren. Ein nicht vorhandener Hukou - die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für einen bestimmten Ort - bedeutet auch, dass man hier kein Auto und keine Wohnung kaufen darf, was übrigens nicht für Ausländer gilt. Die eigenen Kinder dürfen hier zudem nie eine staatliche Schule besuchen. Und wer sich einmal intensiver mit Chinas Bildungssystem auseinandergesetzt hat, der weiß, private Schulen sind teuer im Land. Xiaoxue kümmert das alles nicht. Obwohl sie in der Provinz studiert hat, lebt sie heute glücklich in Peking. Auf die Frage, ob sie heiraten möchte und Kinder haben will, antwortet sie nur zaghaft. Sie sei noch viel zu jung und möchte ihr Leben erst einmal genießen. An den fehlenden Hukou für Peking denkt sie nicht. Sie will ohnehin keinen Chinesen, sondern am besten einen Deutschen oder einen Amerikaner heiraten. Diese seien doch viel weltoffener und reflektierter als Chinesen. Vielleicht wird es also statt Peking irgendwann Berlin oder New York. Vielleicht wird sie dann niemand mehr nach ihrem Hukou fragen und auch nicht nach ihrem "Gaokao".
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