11
Jun
2013

Die Untermieter

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ein sehr tierlieber Mensch bin und mit allen Tieren zurechtkomme, mit Ausnhame von Spinnen. Ich habe auch nichts gegen Gliederfüßler jeglicher Art, solange es nicht die Grenzen meines Vorgartens überschreitet. Da mein kleines Hotelzimmer in Peking – wie auch unsere Wohnung in Wien – keinen Vorgarten besitzt, müssen die Grenzen neu definiert werden, was meine neuen Untermieter jedoch nicht zu kümmern scheint.

Irgendwann letzte Woche, es war bereits nach ein Uhr morgens, schalte ich das Licht aus und freue mich auf eine ruhige Nacht. Eigentlich mache ich das jede Nacht so, meistens auch um dieselbe Zeit. Doch diesmal war etwas anders. Gerade als ich in Gedanken mit dem Tag abgeschlossen hatte, kitzelt mich etwas am Oberschenkel. Ich kratze kurz und denke, da war doch was. Von der Unmöglichkeit, dass sich noch jemand in meinem Bett befindet, bin ich überzeugt, aber ich schlage vorsorglich doch die Bettdecke zurück.

Bei genauerem Hinsehen meine ich, einen länglichen Schatten zu erkennen, der über das Bettlaken huscht. Als ich das Licht anschalte, ist nichts mehr zu sehen. Werde ich verrückt? Ich habe mir das bestimmt nur eingebildet, hebe aber zur Sicherheit nochmal alle Kissen zur Seite. Da ist wirklich nichts. Oder doch? Zwängt sich da nicht irgendwas zwischen Leintuch und angrenzende Zimmerwand. Ich erkenne etwas langes, was graugrünes, was mit vielen Beinen. Etwas, das ich nicht identifizieren kann. Ich schreie erschrocken auf und denke daran, meinen Freund anzurufen, aber der ist zehntausend Kilometern weiter westlich mit Kochen beschäftigt und kommt nicht mal eben vorbei. Ich muss das Problem selbst angehen. Mein erster Gedanke beim Suchen einer Strategie: Was, wenn das es zwischen Wand und Bett auf den Boden fällt? Dann ist es weg, aber nur um wieder zu kommen.

Ich ziehe also ganz vorsichtig am Bettlaken und hoffe, es somit in eine Position zu bekommen, aus der es nicht so leicht entwischen kann. Tatsächlich bleibt das Tier auf dem Leintuch sitzen, bis ich es so weit übers Bett gezogen habe, dass ich es gut sehen kann. Zum Identifizieren bleibt keine Zeit, es muss schnell gehen. Rasch eine halbe Rolle Toilettenpapier auf das arme Tier gepresst, halb kreischend vor Ekel und auch wegen der Tatsache, dass ich das nicht identifizierbare Etwas töten werde.

Es wehrt sich heftig mit dem Hinterkörper, rollt diesen wie ein Skorpion zusammen. Einen Stachel hat es auch, wie ich sehe. Nicht möglich, dass ich einen Skorpion im Zimmer habe. Wir kämpfen weiter. Die Matratze gibt nach, ich lockere das Toilettenpapier, das Etwas läuft los, ich presse das Papier kreischend wieder auf das Tier.

Nun kommt mir die Idee. Ich stülpe einen rosafarbenen Plastikbecher über Papier und Tier, so kann es erst mal nicht entkommen. Darunter schiebe ich den Boden einer stabilen Papiertüte vom Goethe-Institut. Nun kann ich das Etwas sicher zur Toilette transportieren, ich kippe den Becherinhalt in die Klomuschel und spüle.

Was ich da gefangen hatte war mir bis vor zwei Tagen nicht klar. Aber dann kam es wieder.

Es ist gegen ein Uhr nachts und ich telefoniere mit meinem Freund. Jetzt höre ich etwas rascheln. Sitzt da etwas im Papierkorb? Plötzlich aber lugt etwas hinter dem Bambusvorhang hervor, der an der Rückwand meines Bettes angebracht ist. Mir ist klar, noch einmal dasselbe Spiel. Und wieder ist meine Tierliebe nicht hilfreich. Aber diesmal inspiziere ich das tote Tier genau und suche im Internet nach Antworten.

Bei meinen Untermietern handelt es sich um Hundertfüßler. Verwandt dem Tausendfüßler. Sie können in den Tropen bis zu 30 Zentimeter lang werden. Ob sie giftig sind, darüber streiten sich die Google-Suchergebnisse. Ich bin mir allerdings sicher, ob giftig oder nicht, in meinem Bett nie wieder. Ich nehme also den toten Hundertfüßer und bringe ihn zur Rezeption. Dort wecke ich den netten Mann auf, der bereits nebenan schläft. Er lacht laut. Sagt mir, dass sie hier eine Hundertfüßlerplage hätten und ob ich wisse, dass man die in China isst. Schmecken täten sie ihm aber nicht und natürlich seien die giftig. Er greift zum Schädlingsbekämpfungsmittel, bittet mich, draußen zu warten und sprüht mein Zimmer damit ein. Für die Nacht habe ich Ruhe.

Am nächsten Tag setzte ich mein Zimmer noch mal dem giftigen Sprühnebel aus und bin mir sicher, bei diesem Gestank kann nichts überleben. Die letzte Nacht habe ich gut geschlafen, heute habe ich sogar eine neue Bettwäsche bekommen, unaufgefordert und das erste Mal in zwei Monaten. Vielleicht ein gutes Zeichen. Ich hoffe, dass es nun keine Untermieter mehr im Zimmer gibt, denn ich will sie nicht durch das Gift töten, aber in meinem Bett sind sie auch nicht richtig.

Wir werden sehen...

2
Jun
2013

Zarah oder Die Stadt ist ein Fragment

In Peking existiert keine Beständigkeit. Die Zeit vergeht schnell. Nichts dauert lange in dieser Stadt. Heute eröffnet ein Geschäft, morgen ist es weg. Irgendwann war es mal hier. Ein altes Haus wird niedergerissen. Am nächsten Tag gibt es ein neues. Die Zeit besteht aus Episoden, die in WeChat-Nachrichten gemessen werden. Man ist immer auf dem Sprung, den Dingen stets eine Zigarettenlänge voraus. In der U-Bahn nur das Handy. Eine schrecklich große Stadt. Schön, alt, mondän und schlampig.

Die Ventilatoren rotieren im Café. Draußen sitzt ein Mann, in der linken Hand eine Zigarette. Er trinkt seinen Kaffee. „The problems are all inside your head.“ kommentiert eine Singstimme schnulzig aus dem Off. Links die Straße hinunter und vor einem plötzlich der Gulou. Schon wieder vorbei. Es geht immer schnell. Veränderung ist das Stichwort der chinesischen Postmoderne. Im Café aber ist alles so wie es vor zwei Jahren war.

Immer dann, wenn mir die Stadt zu groß ist, die Menschen zu laut sind, das Wetter zu heiß und das Hotelzimmer zu klein ist, gehe ich zu Zarah. Zarah ist ein deutsch-chinesisch geführtes Café auf der Guloudongdajie im Bezirk Dongcheng, nicht weit von mir. Obwohl das Personal dort weder Deutsch spricht, noch Englisch wirklich beherrscht, fühlt es sich so an, als wäre man an jedem Ort auf dieser Welt, nur nicht in Peking.

Jian fährt mich nach der Arbeit mit seinem Auto nach Hause. „Meine Götter, kann denn der Arsch nicht blinken. Wir sind doch anders, wir sind doch in Deutschland gewesen.“ Jian ist genervt. Ich denke an Jiaozi zum Abendessen. Autokolonnen drücken sich vorwärts, schieben sich durch die heiße Stadt. Niemand wartet gerne, jeder will irgendwo hin. Ich nach Andingmen, Jiaozi holen. Jian last mich aussteigen. Ich verabschiede mich schnell. „I like to help you when you struggle to be free.“ Die Stimme aus dem Off ist wieder zu hören. Kitschig. Ich bin weg.

Architektonisch werden die Besucher durch eine Glasfront von der Stadt getrennt. Diese ist essentiell, denn mit ihr endet Peking. Hier liest man: „Peking hat keinen Zutritt!“. Nicht viele Chinesen kommen zu Zarah. Vielleicht liegt es an den für Dongcheng verhältnismäßig hohen Preisen, vielleicht auch am kulinarischen Überangebot der nahegelegenen Nanluoguxiang, die sich im Verlauf der letzten zwei Jahre zu einem Höhepunkt der Konsumgeilheit entwickelt hat und dank einer neuen U-Bahnlinie bestens erreichbar ist. Wer dennoch hier her kommt ist in seinem Wesen meist ruhig, aber nicht introvertiert. Der Lärmpegel ist ungewöhnlich niedrig für die Stadt.

Gute Pastagerichte bekommt man bei Zarah schon ab 30 Kuai, also umgerechnet für rund 4 bis 5 Euro. Die Bolognese Sauce schmeckt zwar nicht wie bei La Mamma, aber doch immerhin wie beim Durchschnittsitaliener von nebenan. Den zu empfehlenden Griechischen Salat gibt es für 32 Kuai. Oliven und Schafskäse scheinen so echt zu sein wie die Produkte im heimischen Kühlregal. Nur beim Nachtisch wird der europäische Standard verfehlt. Der Marmorkuchen hat wenig bis gar keinen Eigengeschmack und ist nur an bestimmten Tagen vorrätig. Vielleicht immer dann, wenn die Chefin bäckt. Während ich schreibe, sitzt sie am Nachbartisch und telefoniert mit ihrem Handy. Sie ist mit einem Chinesen liiert. Die beiden haben eine etwa zweijährige Tochter, die gerade quietschend durch das Café stolpert und die Gäste unterhält.

Am Kunming See neulich die Boote und Elena. Die Chinesin mit uns auf dem Foto. Der kleine Junge, der nicht will. Wir sitzen nur da und reden über Väter, Peking, das Wetter und die Arbeit. Die Beine sind noch so schrecklich weiß. Die Haare nass, alles klebt. Die Sonnenbrille habe ich auf, wie immer. Es ist beinahe unerträglich heiß. Dann die Stimme wieder: “It’s really not my habit to intrude.“

Die beste Empfehlung ist das Frühstück. Kontinentaler und europäischer geht es kaum. Echter Kochschinken, nach Marmelade schmeckende Marmelade, authentischer Gouda, Semmeln/Brötchen wie vom Bäcker des Vertrauens. Eine richtige Nougatcreme zum französischen Croissant rundet das Erlebnis Frühstück bei Zarah ab. Leider ist in den 58 Kuai fürs große Frühstück der Kaffee nicht inbegriffen. Wer aber nicht auf ein Heißgetränk besteht und sich den Orangensaft selbst mitbringt - was in den meisten chinesischen Cafés und Restaurants kein Problem darstellt - kann hier noch sparen.

Am Abend dann die Spaghetti mit Pesto, die Vokabelliste, John, Minnie und alle anderen von damals. Gleich macht er das Licht aus. „You are save“, die Stimme aus dem Off jetzt sehr sentimental.

Bei Zarah ticken die Uhren anders. Zeit wird nicht mehr nur in elektronischen Kurznachrichten erfasst, sondern in Gesprächen, Musik, in einer heißen Schokolade, einem Kaffee oder einem Salat. Kein Kellner, der nach einer weiteren Bestellung fragt, keine Menschenmassen, die unkontrollierbar durch die Türe schieben, keine ohrenbetäubenden Auseinandersetzungen. Bei Zarah ist alles gut was ist.

Die Episoden reihen sich, das Leben bleibt fragmentarisch, die Stadt unbeständig.

19
Mai
2013

Zwischen Kapitalismus und Kommunismus - Eine Reise nach Lingshui

Zwei Autostunden westlich von Peking findet man ein anderes China. Überall säumen steile Felswände die schmalen Straßen. Die Serpentinen erschweren einem das Vorankommen. Die Landschaft ist mit ihren grünen Hügeln und weitläufigen Berghängen wild und ursprünglich. Auf unserer Fahrt kommen wir an Pagoden, ganzen Friedhöfen und einzelnen Gräbern vorbei. Irgendwo dazwischen liegt das Dorf Lingshui, im Bezirk Mentougou. Obwohl noch immer zur Metropolregion Peking gehörend, verstreicht die Zeit in Lingshui langsam und gemächlich. Hektik und Eile scheinen die Leute hier nicht zu kennen. Man denkt noch in den Namen der großen Dynastien längst vergangener Jahrhunderte und rühmt sich der ältesten Wohnhäuser Pekings, die angeblich noch aus der Ming-Zeit stammen. Man ist stolz auf die eigene Vergangenheit, aber auch darauf, ein Eiland der Ruhe zu sein, das sich fern vom Puls der Großstadt, seinen ganz eigenen Rhythmus bewahrt hat.

Herr Li – ich nenne ihn hier so – widmet uns, einer Gruppe von chinesischen und europäischen Studenten, seinen ganzen Nachmittag, um uns sein Dorf vorzustellen. Lingshui ist eines der letzten Dörfer der Region, das von der radikalen „Aufhübschung“ für den Tourismus bis heute weitestgehend verschont geblieben ist. Noch lebt man hier vom Geld, das die junge Generation und die Wanderarbeiter vornehmlich aus dem nahen Peking nach Hause schicken. Die Landwirtschaft mit dem Obstanbau lohnt sich schon lange nicht mehr, wie Herr Li meint. Doch bald wird sich auch in Lingshui vieles ändern, denn man bereitet sich auf den Ansturm der Touristen vor und beginnt sukzessive zu renovieren, zu erneuern und zu verschönern. Von der rauen Ursprünglichkeit und historischen Authentizität des Dorfes wird bald nichts mehr übrig sein.

Es wird renoviert oder neu gebaut in Lingshui. Foto:Fen Fang

In Lingshui stehen bereits viele Häuser leer. Die jungen Leute zieht es nach Peking, andere sind schon vor Jahrzehnten gegangen. Die Häuser erzählen Geschichten. Herr Li zeigt uns eine morsche zweiflüglige Holztür, die mit einem Vorhängeschloss verriegelt ist. Sie gehört zum Haus einer Dame, die bereits vor über einem halben Jahrhundert mit Tschiang Kaishek nach Taiwan gegangen ist, wie Herr Li sagt. Vielleicht ist das aber nur eine Geschichte, die sich Herr Li ausgedacht hat, weil sie so schön nostalgisch klingt. Ich werfe einen Blick durch das poröse Holz der Tür, doch ich kann nichts erkennen.

Herr Li zeigt uns nun ein sehr vornehmes Haus. Weil der Bauherr sich nicht an die seinerzeit gültigen Vorschriften gehalten hatte – er verwendete in der Architektur Elemente, die ausschließlich dem Kaiser vorbehalten waren – sollte dessen ganze Familie ausgerottet werden. Die einzige Möglichkeit, diesem Schicksal zu entgehen, lag für den Mann darin, seinen gesamten Hof selbst in Brand zu stecken, was er auch tat. Später wurde dieser wieder aufgebaut und steht noch heute da.

Viele Häuser im Dorf sind verlassen. Foto:Fen Fang

Herr Li führt uns jetzt zum ältesten Tempel Pekings. Doch was wir sehen, sind nur zwei Pforten. Wo einst der Tempel stand, befinden sich heute nur Gras und sandiger Boden. Die Kulturrevolution hat alles zerstört, meint Herr Li. Religion und Religiosität zählten während der Großen Proletarischen Kulturrevolution zu einem „alten Übel“, das es auszurotten galt. Alles, was im Land Tradition hatte, sei es das Schattenspiel, die Oper, Theater, der Glaube an einen Gott oder an Götter, galt als reaktionär und sollte aus dem Leben der Menschen verbannt werden. Von den historischen Denkmälern der Nation sind viele der kommunistischen Zerstörungswut zum Opfer gefallen.

An den zerfallenden Fassanden der Häuser befinden sich auch heute noch viele zur politischen Erbauung angebrachte Sprüche aus der Zeit der Kulturrevolution. Heute lebt man hier, als wäre das Leben schon immer so gewesen. Alles geht seinen ruhigen und gemächlichen Gang. An jeder Ecke sitzt jemand, sinniert über etwas, spielt Karten oder chinesisches Schach. Man renoviert, beobachtet oder tut einfach nichts, man ist nur da. Den Ausländern im Dorf schenkt man kaum Beachtung.

Herr Li zeigt uns noch eine Ruinenlandschaft, die von einigen uralten Baumgewächsen am Leben gehalten wird. Er erklärt viel. Vor den zerfallenden Häusern sitzt ein alter Mann auf einem Stein. Er scheint schon fast meditativ in sich versunken. Ich grüße ihn, er grüßt mich. Ich lache, er lächelt ein wenig zurück, aber er spricht kaum. Wahrscheinlich hat er sein ganzes Leben hier verbracht. Der Mann – er ist schon über 80 - scheint ausgeglichen, keinesfalls unzufrieden, auch nicht, als er unsere schon beinahe protzig wirkenden Fotokameras sieht.

Der alte Mann lässt sich von den Dorfbesuchern nicht aus der Ruhe bringen. Foto:Fen Fang

Der Kommunismus ist noch spürbar in Lingshui. Aber Konsum und Marktwirtschaft werden unweigerlich auch dieses Dorf erobern. Tourismus, Kitsch und Kommerz werden die Gedanken Maos in naher Zukunft ablösen. Bis es soweit ist, steht die ehemalige Gemeinschaftsküche des Dorfes, die im Zuge des Großen Sprungs nach Vorne eingerichtet wurde, leer und verfällt zusehends. In den großen Kochtöpfen, die noch immer vor der Halle stehen, sammelt sich heute das Regenwasser.

Die Gemeinschaftsküche des Dorfes, ein Relikt aus der Zeit des Großen Sprungs, verfällt mehr und mehr. Foto:Fen Fang

An den Innenwänden der Gemeinschaftsküche hängen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1995. Herr Li erzählt wieder viel. Er ist ein guter Dorfführer. Lächelt immer freundlich, aber spricht stets bestimmt und mit Überzeugung. Am Ende der Führung gibt es Mittagessen in seinem Hof, das seine Frau schon für uns vorbereitet hat. Jetzt zeigt uns Herr Li stolz sein technisches Equipment: eine moderne Sony-Videokamera, mit der er sogar einen kurzen Film von uns dreht, eine Sony-Fotoapparat und eine alte Polaroid. Ist der Kapitalismus also doch schon angekommen in Lingshui?

Nach dem Essen gibt es noch eine kleine Bergwanderung mit Herrn Li. Er ist mit seinen gut 70 Jahren sicher in jedem Schritt und seinen jungen Gästen stets einen halben Berghang voraus. Hoch über Lingshui zeigt er uns einige leer stehende und verfallende Gebäude, die einst als Filmkulisse dienten und nur zu diesem Zweck erbaut wurden. Darunter befinden sich eine Kirche und eine Dorfschule. Alles niemals existent, weil alles nur Kulisse war. Die Kirche sieht authentisch aus. Sie lässt einen fast nicht an eine Filmkulisse glauben, doch Herr Li meint, sie sei natürlich nicht echt. Die Chinesen waren schon immer gut, im was Neues alt aussehen lassen, meint ein Mitglied unserer Gruppe. Und so steigen wir mit einem Hauch von kitschiger Nostalgie und einer atemberaubenden Landschaft vor Augen wieder hinab ins Dorf. Wir verabschieden uns von Herrn Li. Der meint abschließend, mit den Ausländern sei nicht gut Geld zu machen. Jetzt hätte er sie schon durch das Dorf geführt, bekocht und nun musste er mit ihnen auch noch auf den Berg hinauf. Ich drehe mich noch einmal um und mache ein Foto von ihm. Er winkt in die Kamera und lacht.

Herr Li winkt zum Abschied. Foto:Fen Fang

12
Mai
2013

Es ist wieder Zeit für "Gaokao"

Wer es in China beruflich zu etwas bringen will, der muss sich zunächst dem sogenannten "Gaokao" unterziehen. Universitäten gibt es viele im Land, doch nur wer beim "Gaokao", der zentralen Aufnahmeprüfung zum Hochschulstudium, nah an die höchstmögliche Zahl von 750 Punkten herankommt, dem wird der Zugang zu einer der besseren Universitäten ermöglicht. "Gaokao" bedeutet in der Übersetzung "hohe Prüfung". In der Praxis aber ist "Gaokao" das wichtigste Examen für potentielle und zukünftige Studenten des Landes.

Jedes Jahr im Juni, dann, wenn es fast im ganzen Land drückend heiß ist, versammeln sich die Anwärter in den Prüfungszentren der Städte, um sich den mehrere Tage dauernden Tests in Chinesisch, einer Fremdsprache, in Mathematik, Naturwissenschaften, in Geschichte, Geographie und Kunst zu unterziehen. Laut einem Artikel der "Welt" haben sich im Jahr 2007 über 10 Millionen Schüler auf etwa 5 Millionen Studienplätze beworben. So viel, wie bis dahin nie zuvor. Die Konkurrenz ist groß, der Druck, der auf den Schülern lastet noch größer.

Die Folgen von Chinas Ein-Kind-Politik lassen die Verantwortung für die Zukunft einer Familie auf den Schultern von oftmals einem einzigen Kind ruhen. Ein guter Schulabschluss, ein herausragendes Ergebnis beim "Gaokao", der daran anschließende Besuch einer renommierten Universität und eine ausgezeichnete Position in einem angesehenen Unternehmen, das ist die Idealvorstellung vieler Eltern für ihren Nachwuchs. Schließlich soll der auch als Pensionsvorsorge für die Eltern herhalten. Bis heute gibt es in China kein flächendeckendes Rentensystem. Laut einem Artikel der "Zeit" greift dieses bei nicht mehr als 10 Prozent der Landbevölkerung. Im Jahr 2008 bekamen nur 15 Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung Rente vom Staat. Ein enormes Problem, das von der jungen Generation kompensiert werden soll, die sich aus der Tradition der „kindlichen Pietät“ um die Familie im Alter kümmern muss.

An den Prüfungstagen befindet sich China im Ausnahmezustand. Chinesen mit lebhaftem Gemüt zügeln ihr Temperament. Autofahrer verzichten bisweilen sogar auf zu aggressives Hupen. Doch was kommt eigentlich vor "Gaokao"? Vor "Gaokao" kommt der ganz große Run auf die Hotels, Hostels und Pensionen der Städte mit den Prüfungszentren. Man wird als Tourist schon mal kurzerhand aus einem Hostel ausquartiert, weil Schüler für den "Gaokao" anreisen und die Zimmer deshalb benötigt werden. Vor und während "Gaokao" hält das Land also fest zusammen. Und sogar die Tourismusbranche boomt, da häufig zumindest ein Elternteil zur mentalen Unterstützung des Nachwuchses mit anreist und ebenfalls ein Bett buchen wird. Reichen die zur Verfügung stehenden Unterkünfte nicht mehr aus, so weicht man zum Beispiel in Turnhallen aus.

Und was kommt vor dem Ansturm auf die temporären Wohngelegenheiten? Da kommt "Huikao". Diese Prüfung entspricht in etwa dem deutschen Abitur, bildet also den Abschluss der Schullaufbahn. Bereits Jahre vor dem "Huikao" beginnt für ehrgeizige Jugendliche und für Jugendliche von ehrgeizigen Eltern die Vorbereitung auf den "Gaokao". Disziplin, Stressresistenz und Durchhaltevermögen sind gefragt. Mit 16 Jahren hat Xiaoxue angefangen für den "Gaokao" zu lernen. Ein Teenager war sie nie, wie sie heute sagt. Erst jetzt, mit fast 27, tut sie all das, was sie mit 16 gerne getan hätte. Die Nächte durchfeiern, Jungs, am besten ausländische, und nicht an morgen denken. Freizeit hätte es für sie damals kaum gegeben. Der Tag war von früh bis spät mit Lerninhalten durchstrukturiert. Individuelle Freiräume bleiben den jungen Leuten tatsächlich nur selten, denn selbst nach der Schule wird zu Hause weitergelernt oder man besucht eines der vielen Tutoring-Programme, die vielfach angeboten werden und einen erfolgreichen "Gaokao" versprechen.

Nach dem Bestehen des "Huikao" können die Anwärter auf einen Studienplatz eine Liste mit angestrebtem Studienfach und einer Reihung der drei Universitäten, an denen sie am liebsten studieren möchten, erstellen. Schneidet man beim "Gaokao" jetzt besonders gut ab, bekommt man mit etwas Glück den gewünschten Studienplatz an der präferierten Universität. Die Qinghua und Peking Universität in Chinas Hauptstadt sowie die Tongji Universität in Shanghai gelten als die renommiertesten Hochschulen im Land. Wer über 600 Punkte beim "Gaokao" bekommt, der kann an einer dieser Universitäten studieren. Und nur wer hier studiert, dem ist später der Arbeitsplatz so gut wie sicher.

Doch was passiert, wenn das Ergebnis des "Gaokao" anders als erhofft ausfällt? Dann bleibt einem der Zugang zur Universität erster Wahl wohl verwehrt. Mit etwas Glück bekommt man einen Platz an einer anderen Hochschule. Doch wem das Glück nicht wohlgesonnen ist, der muss auf den ersehnten Studienplatz verzichten und wird bestenfalls im Jahr darauf noch einmal zum "Gaokao" antreten können.

Selbst nach einem bestandenen "Gaokao" und einem erfolgreichen Studium, ist längst nicht jede Hürde genommen, denn wer einmal die Luft der Großstädte wie Peking oder Shanghai geatmet hat, der hat Chinas Tore zur Welt entdeckt. Doch das Leben in den Megastädten ist teuer und für viele auf Dauer unerschwinglich. Auch fehlende Wurzeln können das Leben in der Stadt erschweren. Ein nicht vorhandener Hukou - die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für einen bestimmten Ort - bedeutet auch, dass man hier kein Auto und keine Wohnung kaufen darf, was übrigens nicht für Ausländer gilt. Die eigenen Kinder dürfen hier zudem nie eine staatliche Schule besuchen. Und wer sich einmal intensiver mit Chinas Bildungssystem auseinandergesetzt hat, der weiß, private Schulen sind teuer im Land. Xiaoxue kümmert das alles nicht. Obwohl sie in der Provinz studiert hat, lebt sie heute glücklich in Peking. Auf die Frage, ob sie heiraten möchte und Kinder haben will, antwortet sie nur zaghaft. Sie sei noch viel zu jung und möchte ihr Leben erst einmal genießen. An den fehlenden Hukou für Peking denkt sie nicht. Sie will ohnehin keinen Chinesen, sondern am besten einen Deutschen oder einen Amerikaner heiraten. Diese seien doch viel weltoffener und reflektierter als Chinesen. Vielleicht wird es also statt Peking irgendwann Berlin oder New York. Vielleicht wird sie dann niemand mehr nach ihrem Hukou fragen und auch nicht nach ihrem "Gaokao".

5
Mai
2013

China ist, was es i(s)t!

In China essen sie Hunde …in Vietnam und Korea auch.

Die chinesische Küche ist eine der vielfältigsten und traditionsreichsten der Welt. Dass hier Hund und Katze auf dem täglichen Speiseplan stehen, ist nur eines von vielen Gerüchten, das sich hartnäckig hält. So fürchten viele Chinareisende aus dem Westen, ganz nach dem Sprichwort, in China essen sie alles was vier Beine hat und mit dem Rücken zum Himmel zeigt, statt Schweinefleisch, unwissentlich Hund serviert zu bekommen. Obwohl bereits gesetzlich verboten, gilt Hunde- und Katzenfleisch vor allem im Süden des Landes, in den Provinzen Sichuan, Guangdong und Guangxi noch immer als Spezialität. Aber auch im Norden Chinas, in der Provinz Heilongjiang an der russischen Grenze, ist man auf den Hund gekommen. Hundefleisch soll von innen wärmen und in Heilongjiang sind die Winter bekanntlich lang und eisig. Ist es also besser für den Zeitraum des Chinaaufenthalts zum Vegetarier zu werden? Nur ausgewählte Restaurants bieten Hunde- und Katzenfleisch zu hohen Preisen an. Der klassische Chinareisende braucht also keine Angst zu haben, versehentlich einen bepelzten Vierbeiner zu verspeisen. Im Westen vergisst man oft, auf Chinas Nachbarländer zu schauen, denn auch in Vietnam, Korea und anderen asiatischen Ländern bildet Hundefleisch einen traditionellen Bestandteil der Nahrungskette, der sich nicht selten aus dem religiösen Kontext ergibt. Wo man Schwein und Rind aus religiöser Überzeugung nicht essen darf, greift man eben gelegentlich zum Hund. Die Speisekarte der normalen Restaurants ist davon jedoch nicht betroffen. Die meisten Chinesen haben Hund und Katze ohnehin schon als Haustiere entdeckt und nicht für den Kochtopf.


Die Vielfalt der Regionalküchen

China hat weitaus mehr als Hund und Katze zu bieten. Das zeigt ein Blick auf die Regionalküchen des Landes. Alle Provinzen warten mit ihren kulinarischen Köstlichkeiten auf, die man auch in der chinesischen Hauptstadt bekommen kann. Besonders vertreten sind die Sichuan- und Guangdong (Kanton)- Küche mit ihren an Schärfe kaum zu überbietenden Gerichten, aber auch die verschiedensten Spielformen des chinesischen Feuertopfs, der nicht nur im Winter genossen wird. Und natürlich die Pekinger Küche selbst.

Es gibt nichts, was nicht in den Feuertopf kommt. Besonders wohlschmeckend ist das hauchdünn geschnittene Fleisch von Rind, Huhn und Lamm. Foto: Fen Fang


Die Küche der Hauptstadt

Die Pekinger Küche bietet mit Klößen, mit gefüllten Teigtaschen - den sogenannten Jiaozi, mit Gemüse, Huhn und vielen Nudelvariationen eine bunte Vielfalt an leckeren Speisen. Das wohl berühmteste Gericht auf der Karte ist die Pekingente. Heute wird sie vor allem für die Laowai, die Ausländer angeboten. Auch mit besonders wichtigen Gästen geht man gerne Pekingente essen. Im Alltag hat sie ihre Bedeutung jedoch verloren. Sie repräsentiert nur noch ein Stück der Esskultur des längst vergangenen Lao Beijing, des Alten Pekings. Wer in Deutschland gerne Maultaschen isst, kann sich in Peking auf Jiaozi freuen. Die gefüllten Teigtaschen gibt es gekocht oder gebraten, in manchen Restaurants sogar bunt und gemustert. Die Füllungen variieren von verschiedensten Fleischsorten, über Meeresfrüchte, bis hin zu Nudeln und Gemüse. Frisch zubereitet, sind sie ein wahrer Gaumenschmaus, den man – wie die meisten Gerichte der chinesischen Küche – im Westen eher in durchschnittlicher Qualität bekommt.

So bunt und lecker können Jiaozi aussehen. Foto: Fen Fang


Wer sich im Winter warm halten will, muss nicht unbedingt Hund essen, sondern kann auf die Nudelsuppen zurückgreifen, die es in Peking in fast jeder Garküche zu kaufen gibt. Für ein paar Yuan, umgerechnet nicht mehr als etwa 1 Euro, kann man dort schon sehr gut und magenfüllend essen. Besonders zu empfehlen ist die Nudelsuppe mit Rindfleisch, die Niurou Lamian. Handgezogene Nudeln treffen auf getrocknetes Rindfleisch in Streifen oder Würfeln, verfeinert mit Koriander. Fertig ist das kulinarischen Highlight für wenig Geld. Die Tomate mit Rührei Nudeln – wenn auch gelegentlich etwas salzig - sind ebenfalls leicht zu bekommen und nicht nur an kalten Tagen ein zu empfehlender Sattmacher. Wer Gurke, eingelegt in Knoblauch, chinesischen Essig und Sojasauce ausprobiert, kann süchtig werden.

Kalte Gurken, eingelegt in chinesischen Essig mit Sojasauce sind ein wahrer Gaumenschmaus. Foto: Fen Fang


Wann bitte kommt das Dessert?

Was die Pekinger traditionell nicht kennen, ist die Zubereitung von süßen Nachspeisen und Desserts. Bestenfalls gibt es einen Teller mit Wassermelone, Orange oder anderen frischen Früchten. Schokolade oder Eiscreme kommt auf dem chinesischen Speiseplan nicht vor. Jedoch entdeckt man allmählich auch hier den Geschmack von süßem Gebäck, von Kuchen und Torten und von kleinen Naschereien. Wo früher noch die Sonnenblumenkerne verzehrt wurden, greift gerade der moderne Pekinger/die moderne Pekingerin von Welt gerne in die Vitrine einer der zahlreichen Bäckereiketten, die in der ganzen Stadt aus dem Boden sprießen und meist aus Korea oder Singapur kommen. Dass chinesische Torten selten einen Geschmack aufweisen, stört vielleicht den Ausländer, nicht aber den Chinesen. Torten sind schließlich eine Kunst fürs Auge und das isst ja bekanntlich mit. Je kitschiger, umso besser. Lebt man als Ausländer bereits länger in Peking, weiß man genau, welche Bäckerei zu empfehlen ist, weil die Schokolade wirklich nach Schokolade schmeckt, weil der heiße Kakao mit Milch und nicht mit Wasser zubereitet wird und weil der Keks nicht bereits vom Hinsehen vor Trockenheit in zwei Hälften zerfällt. Im Pekinger Stadtteil Chaoyang gibt es neben den internationalen diplomatischen Vertretungen viele leckere Bäckereien und viele Ausländer. Sie urteilen über die süßen Sachen, die Tianpin, bekanntlich kritisch und streng.


Der Nachtmarkt

Größere chinesische Städte haben oft einen Nachtmarkt, auf dem auch tagsüber schon allerlei kulinarische Kuriosiäten feilgeboten werden. Wer also mutig und experimentierfreudig ist, kann sich auf dem Pekinger Donghuamen Nachtmarkt an Made und Skorpion am Spieß versuchen. Wer exotische Meeresfrüchte probieren will, der hat die Wahl zwischen gegrilltem Seestern und Seepferdchen.

4
Mai
2013

Lebenswelten

Ist Deutschland der bessere Ort zum Leben?

Zwischen Guoqiaomixian, den Over-the-Bridge-Noodles, einer ausgezeichneten Nudelsuppenspezialität aus der Provinz Yunnan, fragt mich einer meiner chinesischen Kollegen in der Mittagspause, ob denn Deutschland wirklich so viel besser zum Leben sei als China. Ich kann ihm keine Antwort geben, denke stattdessen zu Hause in Ruhe darüber nach. Gibt es auf diese Frage überhaupt eine klare Antwort? Wie definiert man denn einen guten Ort zum Leben?


Zwischen Peking und Kassel - zwischen Demokratie, Routine und Langeweile

Deutschland ist eine Demokratie mit Meinungs- und Pressefreiheit. Deutschland achtet die Menschenrechte. Deutschland nutzt Facebook, Twitter und Youtube. Deutschland hat ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem. Die Deutschen spucken beim Essen nicht unter den Tisch und drängeln nicht in den Bus. Außerdem berichten die westlichen Medien nur Schlechtes über China. Es gibt viele Argumente für Deutschland und gegen das Reich der Mitte. Mein Kollege hat jedoch auch eines für sein Land. In Peking meint er, wird es nie langweilig. In Kassel, wo er studiert hat, sei das Leben ziemlich schnell eintönig geworden. Nein, Kassel ist wirklich nicht Peking, aber Routine kehrt wohl in beiden Städten irgendwann ein. Routine ist überall dort, wo Alltägliches stattfindet. An Wochentagen stehe ich jeden Morgen um 8 Uhr auf, erledige alles, was man morgens zu erledigen hat. Ich packe stets dieselbe braune Ledertasche. Um 9 Uhr laufe ich zur U-Bahnstation Nanluoguxiang und nehme die Linie 6 in Richtung Haidian Wuluju. Um 9:20 Uhr steige ich in Pinganli um und nehme die Linie 4 zur Station Renmin Daxue. Ich gehe zum Cyber Tower B, warte fünf Minuten auf den Lift, fahre in den 17.Stock, grüße die Kollegen, frühstücke mit Joghurt, Apfel und Haferflocken, und beginne mit meiner Arbeit. Ich sitze hinter dem Computer, verschicke E-Mails, übersetze Texte vom Chinesischen ins Deutsche und Englische, ich kommuniziere mit Verlagen, Künstlern, organisiere Veranstaltungen mit und genieße bei einem niedrigen Air Pollution Index den Ausblick auf die Westberge. Gegen 12 Uhr mittags besuche ich mit den Kollegen stets dieselbe Auswahl an Lokalen. Wir essen meistens chinesische Nudeln. Am Abend gegen 19 Uhr fahre ich nach Hause, nehme dafür zuerst die U-Bahnlinie 4 in Richtung Tiangongyuan, steige in Pinganli um und nehme die Linie 6 Richtung Caofang bis zur Station Nanluoguxiang. Ich esse, ich dusche, und schalte den Laptop ein. Das ist meine tägliche Routine, die ich an den Wochenenden erfolgreich durchbreche.


Sich das eigene Paradies erschaffen

Als ich vor drei Jahren nach Peking kam und mein Wohnheimzimmer an der Universität beziehen sollte, war ich schockiert. Die Toilette schien seit Monaten nicht geputzt, die Dusche besaß weder eine Wanne, noch einen Vorhang. Der Abfluss war praktisch nicht vorhanden, weil unter einem schwarzen Haarbüschel verschwunden. Auf der ausgewaschenen hellblauen Bettwäsche befanden sich Blutflecken, alles war von einer Staubschicht bedeckt. China war für mich kein guter Ort zum Leben. Ich lief dann direkt zum Supermarkt und kaufte Putzzeug, eine neue Bettdecke, ein Kopfkissen sowie Bettwäsche. Ein paar Tage später hatte ich mir mein Paradies geschaffen. Die fehlende Duschwanne und der nicht vorhandene Duschvorhang waren nicht mehr wichtig, das Haarbüschel und der Staub entfernt. Als ich vor gut einem Monat mein neues Zimmer bezog, das eine chinesische Freundin zuvor für mich ausgewählt und gebucht hatte, dann derselbe Schock. Ein übel richendes Badezimmer, ungewaschene Handtücher und dicke schwarze Haare auf der Bettwäsche. Meine Freundin meinte: "Ting hao de", was mit "Ist doch sehr gut." übersetzt werden kann. Eine andere Kultur bedeutet zugleich einen andere Maßstab. Heute fühle ich mich in meinem Zimmer sehr wohl und möchte nicht mehr umziehen. Ein Ort ist eben nur so schön, wie man ihn sich macht, wie man ihn sich denkt.


Die "Privatisierung" des Alltags

Doch was ist mit der Politik, mit der Fremdbestimmung, mit der Diktatur? In China bedeutet die fehlende politische Partizipation des Volkes einen Rückzug ins Private, quasi eine "Privatisierung" des Alltags. Chinesinnen lieben alles was glizert und glänzt. Man trägt gerne rosa. Pink, bunt und knallig muss es sein. Rüschen dürfen nicht fehlen, viel Tüll dazu und die Mäuseohren aus Plüsch, die man an jeder Straßenecke Pekings kaufen kann und sich auf den Kopf setzten muss.

Chinesinnen finden diese Plüschohren trendig. Sie sind in den Hutongs fast überall zu erstehen. Kitsch kennt in Peking keine Grenzen. Foto: Fen Fang


Statt Nachrichten hört man schnulzige Radiohörspiele und sieht im TV Gameshows und Daily Soaps über die ganz große und oftmals unerreichbare Liebe. Man kann das schon fast eine "Verkitschisierung" nennen. Für Politik gibt es hier keinen Platz, sie findet nicht öffentlich statt. In Deutschland hingegen wird darüber gesprochen, eifrig diskutiert, sich aufgeregt.


Und jetzt ... wo bleibt die Conclusio? ... Wie, gibt es nicht?

Mein Kollege sagte mir im Over-the-Bridge-Noodles Restaurant, dass er nicht für immer in Deutschland bleiben möchte. Julia, eine Deutschstudentin aus der Provinz Hebei, meinte, sie wolle unbedingt nach Deutschland, um dort Literaturgeschichte zu studieren, aber danach zurück nach Peking. Ihre Freundin möchte in München an der Filmhochschule aufgenommen werden, nach dem Studium soll es ebenfalls wieder nach Peking gehen. Ein chinesischer Bekannter meinte gestern, in Deutschland sei natürlich alles besser, weil es keine Zensur gäbe und weil man machen könne, was man wolle. Alles sei eben einfacher. Seine Freundin stimmte ihm zu. Wie wichtig aber sind Einkommen, ein sicheres Dach über dem Kopf, Familie, soziale Bindungen? Machen nicht die eigenen Wurzeln irgendwie den besten Ort zum Leben aus? Haben sie nicht den verbindlichsten Charakter? In der Pekinger U-Bahn lese ich regelmäßig folgenden Spruch auf einem Werbebanner: „Man braucht sehr lange und muss viel gereist sein, um zu verstehen, dass viele Orte auf der Welt doch irgendwie gleich sind.“ Die eingangs gestellte Frage, ob Deutschland nun der bessere Ort zum Leben sei, kann ich für mich nicht beantworten.

In Peking ist der Lebensstandard ein anderer als in deutschen Großstädten, doch unglücklich scheinen die Pekinger nicht zu sein. Foto: Fen Fang
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