19
Mai
2013

Zwischen Kapitalismus und Kommunismus - Eine Reise nach Lingshui

Zwei Autostunden westlich von Peking findet man ein anderes China. Überall säumen steile Felswände die schmalen Straßen. Die Serpentinen erschweren einem das Vorankommen. Die Landschaft ist mit ihren grünen Hügeln und weitläufigen Berghängen wild und ursprünglich. Auf unserer Fahrt kommen wir an Pagoden, ganzen Friedhöfen und einzelnen Gräbern vorbei. Irgendwo dazwischen liegt das Dorf Lingshui, im Bezirk Mentougou. Obwohl noch immer zur Metropolregion Peking gehörend, verstreicht die Zeit in Lingshui langsam und gemächlich. Hektik und Eile scheinen die Leute hier nicht zu kennen. Man denkt noch in den Namen der großen Dynastien längst vergangener Jahrhunderte und rühmt sich der ältesten Wohnhäuser Pekings, die angeblich noch aus der Ming-Zeit stammen. Man ist stolz auf die eigene Vergangenheit, aber auch darauf, ein Eiland der Ruhe zu sein, das sich fern vom Puls der Großstadt, seinen ganz eigenen Rhythmus bewahrt hat.

Herr Li – ich nenne ihn hier so – widmet uns, einer Gruppe von chinesischen und europäischen Studenten, seinen ganzen Nachmittag, um uns sein Dorf vorzustellen. Lingshui ist eines der letzten Dörfer der Region, das von der radikalen „Aufhübschung“ für den Tourismus bis heute weitestgehend verschont geblieben ist. Noch lebt man hier vom Geld, das die junge Generation und die Wanderarbeiter vornehmlich aus dem nahen Peking nach Hause schicken. Die Landwirtschaft mit dem Obstanbau lohnt sich schon lange nicht mehr, wie Herr Li meint. Doch bald wird sich auch in Lingshui vieles ändern, denn man bereitet sich auf den Ansturm der Touristen vor und beginnt sukzessive zu renovieren, zu erneuern und zu verschönern. Von der rauen Ursprünglichkeit und historischen Authentizität des Dorfes wird bald nichts mehr übrig sein.

Es wird renoviert oder neu gebaut in Lingshui. Foto:Fen Fang

In Lingshui stehen bereits viele Häuser leer. Die jungen Leute zieht es nach Peking, andere sind schon vor Jahrzehnten gegangen. Die Häuser erzählen Geschichten. Herr Li zeigt uns eine morsche zweiflüglige Holztür, die mit einem Vorhängeschloss verriegelt ist. Sie gehört zum Haus einer Dame, die bereits vor über einem halben Jahrhundert mit Tschiang Kaishek nach Taiwan gegangen ist, wie Herr Li sagt. Vielleicht ist das aber nur eine Geschichte, die sich Herr Li ausgedacht hat, weil sie so schön nostalgisch klingt. Ich werfe einen Blick durch das poröse Holz der Tür, doch ich kann nichts erkennen.

Herr Li zeigt uns nun ein sehr vornehmes Haus. Weil der Bauherr sich nicht an die seinerzeit gültigen Vorschriften gehalten hatte – er verwendete in der Architektur Elemente, die ausschließlich dem Kaiser vorbehalten waren – sollte dessen ganze Familie ausgerottet werden. Die einzige Möglichkeit, diesem Schicksal zu entgehen, lag für den Mann darin, seinen gesamten Hof selbst in Brand zu stecken, was er auch tat. Später wurde dieser wieder aufgebaut und steht noch heute da.

Viele Häuser im Dorf sind verlassen. Foto:Fen Fang

Herr Li führt uns jetzt zum ältesten Tempel Pekings. Doch was wir sehen, sind nur zwei Pforten. Wo einst der Tempel stand, befinden sich heute nur Gras und sandiger Boden. Die Kulturrevolution hat alles zerstört, meint Herr Li. Religion und Religiosität zählten während der Großen Proletarischen Kulturrevolution zu einem „alten Übel“, das es auszurotten galt. Alles, was im Land Tradition hatte, sei es das Schattenspiel, die Oper, Theater, der Glaube an einen Gott oder an Götter, galt als reaktionär und sollte aus dem Leben der Menschen verbannt werden. Von den historischen Denkmälern der Nation sind viele der kommunistischen Zerstörungswut zum Opfer gefallen.

An den zerfallenden Fassanden der Häuser befinden sich auch heute noch viele zur politischen Erbauung angebrachte Sprüche aus der Zeit der Kulturrevolution. Heute lebt man hier, als wäre das Leben schon immer so gewesen. Alles geht seinen ruhigen und gemächlichen Gang. An jeder Ecke sitzt jemand, sinniert über etwas, spielt Karten oder chinesisches Schach. Man renoviert, beobachtet oder tut einfach nichts, man ist nur da. Den Ausländern im Dorf schenkt man kaum Beachtung.

Herr Li zeigt uns noch eine Ruinenlandschaft, die von einigen uralten Baumgewächsen am Leben gehalten wird. Er erklärt viel. Vor den zerfallenden Häusern sitzt ein alter Mann auf einem Stein. Er scheint schon fast meditativ in sich versunken. Ich grüße ihn, er grüßt mich. Ich lache, er lächelt ein wenig zurück, aber er spricht kaum. Wahrscheinlich hat er sein ganzes Leben hier verbracht. Der Mann – er ist schon über 80 - scheint ausgeglichen, keinesfalls unzufrieden, auch nicht, als er unsere schon beinahe protzig wirkenden Fotokameras sieht.

Der alte Mann lässt sich von den Dorfbesuchern nicht aus der Ruhe bringen. Foto:Fen Fang

Der Kommunismus ist noch spürbar in Lingshui. Aber Konsum und Marktwirtschaft werden unweigerlich auch dieses Dorf erobern. Tourismus, Kitsch und Kommerz werden die Gedanken Maos in naher Zukunft ablösen. Bis es soweit ist, steht die ehemalige Gemeinschaftsküche des Dorfes, die im Zuge des Großen Sprungs nach Vorne eingerichtet wurde, leer und verfällt zusehends. In den großen Kochtöpfen, die noch immer vor der Halle stehen, sammelt sich heute das Regenwasser.

Die Gemeinschaftsküche des Dorfes, ein Relikt aus der Zeit des Großen Sprungs, verfällt mehr und mehr. Foto:Fen Fang

An den Innenwänden der Gemeinschaftsküche hängen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1995. Herr Li erzählt wieder viel. Er ist ein guter Dorfführer. Lächelt immer freundlich, aber spricht stets bestimmt und mit Überzeugung. Am Ende der Führung gibt es Mittagessen in seinem Hof, das seine Frau schon für uns vorbereitet hat. Jetzt zeigt uns Herr Li stolz sein technisches Equipment: eine moderne Sony-Videokamera, mit der er sogar einen kurzen Film von uns dreht, eine Sony-Fotoapparat und eine alte Polaroid. Ist der Kapitalismus also doch schon angekommen in Lingshui?

Nach dem Essen gibt es noch eine kleine Bergwanderung mit Herrn Li. Er ist mit seinen gut 70 Jahren sicher in jedem Schritt und seinen jungen Gästen stets einen halben Berghang voraus. Hoch über Lingshui zeigt er uns einige leer stehende und verfallende Gebäude, die einst als Filmkulisse dienten und nur zu diesem Zweck erbaut wurden. Darunter befinden sich eine Kirche und eine Dorfschule. Alles niemals existent, weil alles nur Kulisse war. Die Kirche sieht authentisch aus. Sie lässt einen fast nicht an eine Filmkulisse glauben, doch Herr Li meint, sie sei natürlich nicht echt. Die Chinesen waren schon immer gut, im was Neues alt aussehen lassen, meint ein Mitglied unserer Gruppe. Und so steigen wir mit einem Hauch von kitschiger Nostalgie und einer atemberaubenden Landschaft vor Augen wieder hinab ins Dorf. Wir verabschieden uns von Herrn Li. Der meint abschließend, mit den Ausländern sei nicht gut Geld zu machen. Jetzt hätte er sie schon durch das Dorf geführt, bekocht und nun musste er mit ihnen auch noch auf den Berg hinauf. Ich drehe mich noch einmal um und mache ein Foto von ihm. Er winkt in die Kamera und lacht.

Herr Li winkt zum Abschied. Foto:Fen Fang
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