2
Jun
2013

Zarah oder Die Stadt ist ein Fragment

In Peking existiert keine Beständigkeit. Die Zeit vergeht schnell. Nichts dauert lange in dieser Stadt. Heute eröffnet ein Geschäft, morgen ist es weg. Irgendwann war es mal hier. Ein altes Haus wird niedergerissen. Am nächsten Tag gibt es ein neues. Die Zeit besteht aus Episoden, die in WeChat-Nachrichten gemessen werden. Man ist immer auf dem Sprung, den Dingen stets eine Zigarettenlänge voraus. In der U-Bahn nur das Handy. Eine schrecklich große Stadt. Schön, alt, mondän und schlampig.

Die Ventilatoren rotieren im Café. Draußen sitzt ein Mann, in der linken Hand eine Zigarette. Er trinkt seinen Kaffee. „The problems are all inside your head.“ kommentiert eine Singstimme schnulzig aus dem Off. Links die Straße hinunter und vor einem plötzlich der Gulou. Schon wieder vorbei. Es geht immer schnell. Veränderung ist das Stichwort der chinesischen Postmoderne. Im Café aber ist alles so wie es vor zwei Jahren war.

Immer dann, wenn mir die Stadt zu groß ist, die Menschen zu laut sind, das Wetter zu heiß und das Hotelzimmer zu klein ist, gehe ich zu Zarah. Zarah ist ein deutsch-chinesisch geführtes Café auf der Guloudongdajie im Bezirk Dongcheng, nicht weit von mir. Obwohl das Personal dort weder Deutsch spricht, noch Englisch wirklich beherrscht, fühlt es sich so an, als wäre man an jedem Ort auf dieser Welt, nur nicht in Peking.

Jian fährt mich nach der Arbeit mit seinem Auto nach Hause. „Meine Götter, kann denn der Arsch nicht blinken. Wir sind doch anders, wir sind doch in Deutschland gewesen.“ Jian ist genervt. Ich denke an Jiaozi zum Abendessen. Autokolonnen drücken sich vorwärts, schieben sich durch die heiße Stadt. Niemand wartet gerne, jeder will irgendwo hin. Ich nach Andingmen, Jiaozi holen. Jian last mich aussteigen. Ich verabschiede mich schnell. „I like to help you when you struggle to be free.“ Die Stimme aus dem Off ist wieder zu hören. Kitschig. Ich bin weg.

Architektonisch werden die Besucher durch eine Glasfront von der Stadt getrennt. Diese ist essentiell, denn mit ihr endet Peking. Hier liest man: „Peking hat keinen Zutritt!“. Nicht viele Chinesen kommen zu Zarah. Vielleicht liegt es an den für Dongcheng verhältnismäßig hohen Preisen, vielleicht auch am kulinarischen Überangebot der nahegelegenen Nanluoguxiang, die sich im Verlauf der letzten zwei Jahre zu einem Höhepunkt der Konsumgeilheit entwickelt hat und dank einer neuen U-Bahnlinie bestens erreichbar ist. Wer dennoch hier her kommt ist in seinem Wesen meist ruhig, aber nicht introvertiert. Der Lärmpegel ist ungewöhnlich niedrig für die Stadt.

Gute Pastagerichte bekommt man bei Zarah schon ab 30 Kuai, also umgerechnet für rund 4 bis 5 Euro. Die Bolognese Sauce schmeckt zwar nicht wie bei La Mamma, aber doch immerhin wie beim Durchschnittsitaliener von nebenan. Den zu empfehlenden Griechischen Salat gibt es für 32 Kuai. Oliven und Schafskäse scheinen so echt zu sein wie die Produkte im heimischen Kühlregal. Nur beim Nachtisch wird der europäische Standard verfehlt. Der Marmorkuchen hat wenig bis gar keinen Eigengeschmack und ist nur an bestimmten Tagen vorrätig. Vielleicht immer dann, wenn die Chefin bäckt. Während ich schreibe, sitzt sie am Nachbartisch und telefoniert mit ihrem Handy. Sie ist mit einem Chinesen liiert. Die beiden haben eine etwa zweijährige Tochter, die gerade quietschend durch das Café stolpert und die Gäste unterhält.

Am Kunming See neulich die Boote und Elena. Die Chinesin mit uns auf dem Foto. Der kleine Junge, der nicht will. Wir sitzen nur da und reden über Väter, Peking, das Wetter und die Arbeit. Die Beine sind noch so schrecklich weiß. Die Haare nass, alles klebt. Die Sonnenbrille habe ich auf, wie immer. Es ist beinahe unerträglich heiß. Dann die Stimme wieder: “It’s really not my habit to intrude.“

Die beste Empfehlung ist das Frühstück. Kontinentaler und europäischer geht es kaum. Echter Kochschinken, nach Marmelade schmeckende Marmelade, authentischer Gouda, Semmeln/Brötchen wie vom Bäcker des Vertrauens. Eine richtige Nougatcreme zum französischen Croissant rundet das Erlebnis Frühstück bei Zarah ab. Leider ist in den 58 Kuai fürs große Frühstück der Kaffee nicht inbegriffen. Wer aber nicht auf ein Heißgetränk besteht und sich den Orangensaft selbst mitbringt - was in den meisten chinesischen Cafés und Restaurants kein Problem darstellt - kann hier noch sparen.

Am Abend dann die Spaghetti mit Pesto, die Vokabelliste, John, Minnie und alle anderen von damals. Gleich macht er das Licht aus. „You are save“, die Stimme aus dem Off jetzt sehr sentimental.

Bei Zarah ticken die Uhren anders. Zeit wird nicht mehr nur in elektronischen Kurznachrichten erfasst, sondern in Gesprächen, Musik, in einer heißen Schokolade, einem Kaffee oder einem Salat. Kein Kellner, der nach einer weiteren Bestellung fragt, keine Menschenmassen, die unkontrollierbar durch die Türe schieben, keine ohrenbetäubenden Auseinandersetzungen. Bei Zarah ist alles gut was ist.

Die Episoden reihen sich, das Leben bleibt fragmentarisch, die Stadt unbeständig.
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